Abschied vom Phallozän
24.08.2026 – Die österreichische Autorin und Schriftstellerin Gertraud Klemm besuchte Mitte Juli das KAT. Bei einer öffentlichen Abend-Veranstaltung im Zukunftsraum stellte sie ihr neues Buch „Abschied vom Phallozän“ vor und diskutierte mit den Besuchenden über matriarchale Gesellschaftsformen, Gendergerechtigkeit und Nachhaltigkeitsfragen.
Der Zukunftsraum war bis auf den letzten Platz belegt. Bei hochsommerlichen Temperaturen kamen rund 60 Personen zur Veranstaltung und freuten sich auf den Vortrag mit anschließender Gesprächsrunde.
Gertraud Klemm ist studierte Biologin und hat sich viele Jahre mit Feminismus und Patriarchatsforschung beschäftigt. Ihr Vortrag enthielt eine klare Botschaft: Unsere Welt ist durch patriarchale Strukturen in einen desaströsen Zustand geraten und wird sich nur zu einem friedlichen und nachhaltigen Ort entwickeln, wenn wir diese Strukturen aufbrechen, matriarchalen Gesellschaftsformen Raum geben und beginnen mit diesen zu experimentieren.
Kleine Pflaster auf große Wunden
Das Phallozän, so Klemm, sei eine Wortkreation, die das „völlig aus dem Ruder gelaufene Patriarchat“ umschreibe. Im Rückblick auf die vergangenen Jahrhunderte, in denen von Europa ausgehend ganze Kontinente vereinnahmt und Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Ethnie und vieler weiterer identitätsstiftender Merkmale gewaltsam unterdrückt, ausgebeutet, missbraucht und auch getötet wurden, gipfle der Patriarchismus heute in der Machtkonzentration weniger superreicher weißer Männer.
Ihr rund 40-minütiger Vortrag war gespickt mit vielen Beispielen aus anderen Kulturen und Religionen sowie persönlichen Erlebnissen. Dank einer guten Prise Humor war er nicht nur informativ, sondern – trotz des schwerwiegenden und schwierigen Themas – auch unterhaltsam und kurzweilig.
Dass die Frauen mit einem Anteil an über 50 Prozent der Weltbevölkerung auf der Strecke blieben und auch die Errungenschaften des bisherigen Feminismus in einem patriarchalen System nur „kleine Pflaster auf große Wunden kleben“ können, veranlasst Klemm dazu, sich mit alternativen Formen gesellschaftlicher, ökologischer und ökonomischer Strukturen zu beschäftigen.
Alternative Gesellschaftsformen
Weltweit hätten Matriarchate – also Gesellschaftsformen, in denen Frauen zentrale Rollen in Familie, Gesellschaft, Politik oder Wirtschaft einnehmen – das Zusammenleben für einen großen Zeitraum der Menschheitsgeschichte geprägt. Nicht die heute durchschnittliche heteronormative Kleinfamilie (Vater, Mutter, Kind) strukturiere in Matriarchaten die Gemeinschaft, sondern der Clan (also alle mit der Clanmutter verwandten Menschen). Kindererziehung sei hier Gemeinschaftsaufgabe. Das familiäre Konzept „Vater“ gebe es im Matriarchat nicht, auch wenn die biologische Vaterschaft natürlich existiert.
„Sind die Männer da nicht a bissl arm?“, fragt sich Klemm stellvertretend fürs Publikum. „Keineswegs. Männer sind in der Rolle der Mutterbrüder ebenso wichtige Bezugspersonen und dabei nicht vorrangig für das ökonomische Wohlergehen der Familie verantwortlich.“
Klemm weiter: Der Kapitalismus sei der Inbegriff einer patriarchalen Wirtschaftsform. Da Leistungen wie Fürsorge, Care-Arbeit oder Erziehung nicht bezahlt, sondern als selbstverständlich vorausgesetzt werden, wird ihr (ökonomischer) Wert für die Gesellschaft unsichtbar – in der Berechnung des BIP spielten diese Aspekte beispielsweise überhaupt keine Rolle.
Das Patriarchat ist kein Naturgesetz
Abschließend verdeutlichte Klemm, dass sie sich stark macht für Gleichberechtigung, Friede, ein gutes Miteinander und einen kleinen ökologischen Fußabdruck. Sie wünscht sich, dass wir mehr über solche Sachen sprechen und gemeinschaftlich diskutieren, wie damit umgegangen wird. „Das Patriarchat ist kein Naturgesetz. Es ist nicht etwas wie die Schwerkraft, die man nicht abschaffen kann. Es ist Menschengemacht und Menschen können es auch wieder abschaffen.“
Im Anschluss an den Vortrag tauschte sich das Publikum intensiv mit der Autorin aus. KAT-Leiter Oliver Parodi eröffnete die Runde, in dem er zunächst große Parallelen zu Fragestellungen aus der Nachhaltigkeitsforschung hervorhob. Beispielsweise Fragen nach Generationengerechtigkeit, Verteilungsgerechtigkeit, Gendergerechtigkeit, an denen sich nicht-nachhaltige, patriarchale Machtverhältnisse ablesen lassen. Sowie Fragen nach zirkulären Wirtschaftsformen und einem alternativen Wohlstands- und Konsumverständnis im Postwachstums-Diskurs. Eine Abkehr vom etablierten Patriarchat und eine Hinwendung zu matriarchalen Strukturen könne Werte wie Gemeinschaft, Fürsorge, Frieden, Naturverbundenheit und Spiritualität wieder ins Zentrum einer Gesellschaft rücken, so Parodi.
Wir bedanken uns bei Gertraud Klemm für ihren Besuch, den Austausch und die anregenden Gedanken.
Zur Person:
Gertraud Klemm hat in Wien Biologie studiert und ist seit 2006 freie Autorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Niederösterreich und schreibt Romane, Theaterstücke, Reden, Gastkommentare und Essays. Ihre Arbeit wurde mit vielen Auszeichnungen gewürdigt, so erhielt sie unter anderem den Anton-Wildgans-Preis, den Ernst-Toller-Preis, den Outstanding-Aist-Award und den Publikumspreis beim Bachmannpreis.
Romane: Einzeller (2023), Hippocampus (2019), Aberland (2015). Aktuell erschienen: „Abschied vom Phallozän“, eine Streitschrift (Matthes & Seitz, 2025)
Buchtipps zum Weiterlesen:
- Gertraud Klemm: Abschied vom Phallozän. Eine Streitschrift. Matthes & Seitz, Berlin 2025.
- Ulli Lust: Die Frau als Mensch. Reprodukt, Berlin 2025.
- Rebekka Endler: Das Patriarchat der Dinge. Warum die Welt Frauen nicht passt. DuMont Buchverlag, Köln 2022.
- Lisa Jaspers, Naomi Ryland, Silvie Horch (Hrsg.): Unlearn Patriarchy. Ullstein Taschenbuch, Berlin 2024.
- Markus Theunert: Jungs, wir schaffen das. Ein Kompass für Männer von heute. Kohlhammer, Stuttgart 2023.
- Vincent-Immanuel Herr, Martin Speer: Wenn die letzte Frau den Raum verlässt. Was Männer wirklich über Frauen denken. Ullstein Taschenbuch, Berlin 2025.






