Premiere für das „Amt für Lassen und Loslassen“

Wo Loslassen zum staatlich unterstützten Prozess wird

15.07.2026 – Beim diesjährigen Green Culture Festival im Juni öffnete das „Amt für Lassen und Loslassen“ zum ersten Mal seine Türen. Die Besuchenden des Festivals konnten Nummern ziehen, bunte Formulare ausfüllen und wurden in liebevoll ausgestatteten Amtszimmern beraten. Warum? Um Altes und Überkommenes loszulassen. Das neue transdisziplinäre Beteiligungsformat des KAT verbindet interaktive und künstlerische Elemente mit persönlicher Reflexion. Denn eine nachhaltige Veränderung bedeutet auch, Altes hinter sich zu lassen.

Vier Personen an einem Infostand des „Amts für Lassen und Loslassen (ALL)“.

Was müssen, dürfen, sollen wir loslassen, damit Neues entstehen kann? Mit dieser Frage beschäftigt sich das „Amt für Lassen und Loslassen“ (ALL). Das Amt widmet sich einer Seite von Veränderung, die oft übersehen wird. Denn wenn von Transformation die Rede ist, denken viele an neue Ideen, Innovation und Aufbrüche. Doch jede Veränderung bedeutet auch, sich von etwas zu verabschieden, wie Gewohnheiten, Techniken, Denkmuster oder Strukturen, die nicht mehr in das Bild einer nachhaltigen Zukunft passen.

Zum ersten Mal konnten Personen das ALL live im Kulturzentrum Tollhaus in Karlsruhe beim Green Culture Festival 2026 erleben.

Zwei Personen im Gespräch an einem kleinen Tisch vor einer rosa Dekoration. Fröhliche Person mit Daumen-hoch-Geste an dem Amt für Lassen und Loslassen Nahaufnahme von weißem, geschredderten Dokumenten.

Loslassen als Teil der Transformation

Wer das Amt betritt, wird zunächst zu einem Beratungsgespräch eingeladen. Hier geht es um die entscheidende Frage: „Was möchtest du oder was soll unsere Gesellschaft – im Kontext nachhaltiger Entwicklung – loslassen?“

Gemeinsam mit den Beamt:innen wird das Anliegen besprochen und das passende Formular ausgewählt. Ob gesellschaftliche Herausforderungen, belastende Einstellungen oder alte Gewohnheiten, für fast jede Person gab es das passende Formular.

Roter Ticketautomat zum Wartenummer ziehen, ein Ticket zeigt die 036.

Mit dem ausgewählten Formular in der Hand beginnt wohl der vertrauteste Teil des Erlebnisses: Eine Wartenummer ziehen und auf den Aufruf warten. Wie in einem echten Amt erscheint wenig später die Nummer auf einer Anzeigetafel begleitet von einem charakteristischen elektrischen Gong, den viele von uns von Behördengängen kennen.

Die Person wird daraufhin nach hinten in eine Kabine gebeten, die mit rosa Plüsch an den Wänden ausgeschmückt ist. Dies verleiht dem vordergründig nüchternen Amtscharakter einen überraschend verspielten Anstrich und einen Hauch Geborgenheit.

In einem persönlichen Zweier-Gespräch wird das Anliegen besprochen, reflektiert und gemeinsam in seinen Facetten bearbeitet. Was zunächst spielerisch wirkt, entwickelt für viele Besucher:innen eine unerwarteten Tiefe und bietet Raum, sich bewusst mit dem eigenen Loslass-Prozess auseinanderzusetzen.

Zum Abschluss erhält das Formular einen offiziellen Stempel des Amts: „Losgelassen“, „Amtlich gewürdigt“ oder „mit Liebe verabschiedet“ ist da etwa zu lesen.

Mehrere Holzstempel mit Aufschriften wie „Amtlich gewürdigt“ und „mit Liebe verabschiedet“.

Das Amt als Realexperiment

Die Premiere war ein voller Erfolg, die Besucher:innen waren direkt begeistert von der Idee und dem neuartigen Konzept. Besonders auffällig war, dass viele spürbar erleichtert aus den Gesprächen gingen. Amtsleiter Oliver Parodi berichtet: „Wir waren überrascht, wie offen die Menschen waren und wie sehr sie sich auf den Prozess eingelassen haben. Wir konnten viele intensive Gespräche führen zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen, aber auch zu ganz persönlichen Dingen.“

Personen an einem Infostand vernichten die Loslass Dokumente.

Pinnwand mit dem Titel „Amtlich losgelassen“ und zahlreichen Zettel mit den Loslass-Anliegen.

Vortrag auf einer Bühne vom Amt für Lassen und Loslassen vor Publikum.

Loslassen für die Wissenschaft

Die ausgefüllten Formulare bleiben nicht einfach achtlos zurück. Die Losgelassenen dürfen das Original mit nach Hause nehmen. Ein anonymisierter Durchschlag wird anschließend wissenschaftlich ausgewertet. Die Ergebnisse fließen in die wissenschaftliche Arbeit des KAT ein und werden unter anderem im Zusammenhang mit Transformationstheorien oder sozialwissenschaftlichen Gegenwartsdiagnosen, beispielsweise von Hartmut Rosa oder Andreas Reckwitz, ausgewertet. Ziel ist, besser zu verstehen, welche Rolle das Loslassen für gesellschaftlichen Wandel spielt, wo genau Hürden liegen und wie man diese überwinden kann.

Das „Amt für Lassen und Loslassen“ macht sichtbar, dass nachhaltige Veränderung nicht nur davon abhängt, was wir neu erschaffen, sondern auch davon, was wir bereit sind zu lassen. Es dient als Raum und Anlaufstelle für den bewussten Umgang mit Verlusten, Ängsten und dem Verabschieden von überholten Strukturen.

Das „Amt für Lassen und Loslassen“ ist ein Projekt des Karlsruher Transformationszentrum für Nachhaltigkeit und Kulturwandel (KAT). Es wird von einem interdisziplinären und liebevoll zugewandten Team erdacht und gemacht.